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Florian Scherzer ist Unternehmer und Geschäftsführer eines Münchner Designermöbelhauses. Er leitete erfolgreich die Umstrukturierung des Familienbetriebs und gründete nebenbei einen Whiskey Onlinehandel.

 

 

 

 

 

Welcher soft skill Florians Ansicht nach in Zukunft am meisten gefragt sein wird und wie er unser Bildungssystem neu denken würde, hat uns interessiert.

 

 

 

 

 

 

“ Als Unternehmer stehen für mich Eigenverantwortung, Flexibilität und selbstständiges Handeln im Vordergrund.“

Florian Scherzer

 

 

 


 

 

 

1.) Erzähl uns doch einmal kurz ein paar Sätze über dich und deinen Werdegang. 

 

 

Ich bin 33 Jahre alt und wohne im Landkreis München. Ich war bereits sehr früh ehrenamtlich bei der Feuerwehr und beim Rettungsdienst tätig. Während meinem Studium habe ich zudem im Rettungsdienst gearbeitet und viele Erfahrungen über die Arbeit mit Menschen gesammelt. Vor acht Jahren bin ich als Prokurist in unseren Familienbetrieb (Einzelhandel) eingestiegen und habe die Umstrukturierung mit geleitet. Seit diesem Jahr bin ich Geschäftsführer. Parallel dazu habe ich im Jahr 2016 mit einem Freund eine Whiskyfirma gegründet und bin dort seit letztem Jahr ebenfalls in der Geschäftsführung.

 

 

 

 

 

 

2.) Wann hast du dich dazu entschieden eine Laufbahn als Unternehmer einzuschlagen?

 

 

Die Entscheidung wurde mir mehr oder weniger schon mit in die Wiege gelegt. Ich war bereits als Kind regelmäßig im Betrieb und habe später als Jugendlicher immer mitgeholfen wenn Not am Mann war. Es war und ist eine Selbstverständlichkeit sich gegenseitig zu helfen wenn man gebraucht wird. Insofern gab es eigentlich nie „den“ Moment. Unwiderruflich verbunden wurde ich mit dem Betrieb aber vor acht Jahren, als meine Hilfe bei der Umstrukturierung benötigt wurde.

 

 

 

 

 

 

3.) Stell dir vor, du dürfest unser Bildungssystem neu denken. Wie würdest du vorgehen?

 

 

Ich würde es als erstes einmal an die Anforderungen der heutigen Zeit anpassen. Das heißt aber nicht (nur) die Inhalte des Unterrichts neu definieren, sondern den Kindern speziell in den weiterführenden Schulen Flexibilität und Selbstständigkeit beizubringen. Wir leben immer länger und die Welt dreht sich immer schneller. Immer mehr Berufe werden digitalisiert und nur noch die wenigsten Mensch werden ihr Leben lang dem Beruf nachgehen dem sie als Erstes nachgegangen sind. Selbst die „klassischen“ Berufe sind davon nicht verschont. Ein Schreiner oder ein Schneider muss sich mit der Programmierung und Bedienung von C&C Maschinen auskennen und Elektriker müssen für die Verkabelung der Häuser Kenntnisse von Netzwerktechnik besitzen. Unser Bildungssystem ist immer noch darauf ausgelegt, dass die Schüler auf ihren „Traumberuf“ hin lernen. Das wird nicht mehr gut gehen. Wir müssen immer flexibler sein und unsere längere Lebenszeit auch nutzen, indem wir die Welt täglich neu lernen! Und das muss den Erwachsenen von morgen schon heute bewusst gemacht werden.

 

 

 

 

 

 

4.) Was macht eine gute Schulbildung für dich aus?

 

 

Stärken der Schüler fördern und entwickeln, statt versuchen die Schwächen zu beseitigen. Den Kindern von klein auf Flexibilität und eigenständiges Denken und Handeln beibringen. Inhalte auf Verständnisbasis statt durch stures auswendig lernen vermitteln. Und vor allem: Den Kindern beibringen, im Team zu arbeiten um eigene Schwächen auszugleichen. Andere Menschen und Ihre Talente erkennen lernen, statt sie einfach in Schubladen von 1-6 zu stecken.

 

 

 

 

 

 

5.) Welchen Einfluss hat die Globalisierung darauf wie wir Bildung bewerten?

 

 

Es macht das Thema etwas unübersichtlich. Jedes Land hat seine oft ganz eigene Art die Bildung und Fähigkeiten eines Menschen zu bewerten. Während Multiple Choice eines der unkreativsten, am wenigstens fordernden Testsysteme ist, gibt es in anderen Ländern viel kreativere Ansätze zu Fragestellung als auch zu den Bewertungsmöglichkeiten. Trotzdem steht am Ende immer der gleiche Abschluss auf dem Papier. Während wir daraus den Bildungsgrad ableiten, sollten wir daraus vielleicht eher schließen welcher (Lern)-Typ der Mensch ist.

 

 

 

 

 

 

6.) Wenn wir einen Blick auf Europa werfen, wie schneidet Deutschland deiner Meinung nach im Vergleich ab und warum? 

 

 

Nach meiner persönliche Meinung: Schlecht bis unterirdisch. Wir stehen mit der Substanz zwar im Moment noch relativ gut da, trotzdem rutschen wir in den Rankings dieser Welt immer weiter nach unten. Das einzige Feld, in dem wir uns stabil auf Platz 2 halten sind die Steuern und Abgaben. Unser Bildungssystem ist ein einziger Flickenteppich, Schulabschlüsse sind unter den Ländern inzwischen nicht mehr zu vergleichen. Wir steuern voller Zuversicht dafür aber mit umso weniger Plan durch die Gewässer der sich entwickelnden Gesellschaft und hoffen, dass es schon irgendwie wird. Die Situation für Gründer, Mittelständler ist gelinde gesagt sehr bescheiden. Wer kann geht nach Österreich oder in andere Länder die den Wert der Unternehmen erkennen und schätzen. Wir sind bei der Digitalisierung so weit zurück, dass wir schon nicht mehr das Rücklicht sind, sondern es nur noch aus der Ferne sehen. Wenn Ämtern von digitalen Amtsgängen sprechen, dann bedeutet das oft, dass wir uns Formulare aus dem Internet herunterladen können. Nur um sie dann auszudrucken und per Post oder persönlich aufs Amt zu bringen. Auch die analoge Infrastruktur lebt von der Substanz. In Deutschland werden wir leider nicht als Teamplayer erzogen, das Eigeninteresse steht vor allem Anderen.

 

 

 

 

 

 

7.) Welche Softskills werden deiner Meinung in Zukunft am meisten benötigt? 

 

 

Da wir alle dazu gezwungen sind uns in Zukunft immer weiter zu spezialisieren: Teamfähigkeit! Keiner kann aus seiner Branche mehr alles können und wissen. Der Unterschied zwischen einem erfolglosen Fachidioten und einem erfolgreichen Spezialisten wird die Fähigkeit sein mit anderen Experten im Team und ohne Arroganz zu arbeiten. Dazu muss man aber seine Schwächen auch kennen und zu Ihnen stehen. Und Flexibilität und Selbstständigkeit habe ich ja auch schon oft genug genannt.

 

 

 

 

 

 

8.) Wenn du unser Bildungssystem anpassen dürftest, was würdest du ändern?

 

 

Als Unternehmer stehen für mich Eigenverantwortung, Flexibilität und selbstständiges Handeln und Denken im Vordergrund. Auch Kreativität und Durchhaltevermögen sind oft unabdingbar. All dies sind Punkte die meiner Meinung nach aktuell im Bildungssystem zu kurz kommen. Oft fehlt den Schülern das Gruppengefühl, gelernt wird was im Buch steht, die Schüler beantworten Fragen, lernen aber nicht die richtigen Fragen zu stellen. Erfolgreich ist, wer auswendig lernt und sich nicht mit kritischem Denken beschäftigt. Als erstes müsste man jedoch das Klassendenken der verschiedenen Schularten zerschlagen. Jeder Schüler hat besondere Stärken und Schwächen. Wichtig ist es die Stärken zu fördern und nicht zu versuchen die Schwächen zu beseitigen. Ich merke zum Beispiel bei unseren Schülerpraktikanten sehr oft, dass die Kinder in für sie völlig falsche Schulform gesteckt werden, nur damit „einmal etwas aus ihnen wird“. Das Resultat ist oft Frust, Selbstzweifel und der Verlust der Freude am Lernen. Wir müssten hier ansetzen, den Eltern weniger Mitspracherecht geben und den Schülern und den Lehrern – die die Kinder jeden Tag unterrichten und optimalerweise Ihre Stärken und Schwächen kennen – überlassen welchen Weg der Schüler geht.

 

 

 

 

 

 

9.) Gibt es einen Bereich, den unser Schulsystem nicht ausreichend abdeckt bzw. den du gerne dem Lehrplan hinzufügen würdest?

 

 

Eigenständiges, kritisches Denken. Da stelle ich leider jeden Tag etwas mehr fest, dass viele Leute hier komplett unbewaffnet sind.

 

 

 

 

 

 

10.) Wie können wir uns auf die Digitalisierung vorbereiten bzw. sie in Sachen Schulbildung für uns nutzen?

 

 

Die Digitalisierung als solches gibt es ja eigentlich schon etwas länger. Ich denke der Gamechanger der letzten Jahre war die Vernetzung von immer mehr Systemen, Daten und Prozessen. Genau diese Vernetzung müssen wir begreifen und sie nutzen lernen.

 

 

 

 

 

 

11.) Aktuell werden viele Kinder von zu Hause aus unterrichtet. Was denkst du über das Modell eines digitalen Klassenzimmers? 

 

 

Ich denke: Völliger Mist! Bevor wir die Kinder an solche Methoden heranführen, sollten wir Ihnen erst einmal beibringen im „Real-Life“ vernünftig zu interagieren. Der Mensch ist und bleibt ein soziales Wesen, und das kann keine App und kein Hologramm ersetzen. Wir laufen bei solchen Ideen meiner Meinung nach Gefahr uns einen Haufen sozialer und emotionaler Krüppel zu erziehen. Als Argument möchte ich die schon jetzt bestehende Problematik mit den „sozialen“ Netzwerken anbringen. Als Unterstützung neben einem ganz regulären Unterricht ist es – sofern der Schüler dafür zugänglich ist – aber mit Sicherheit eine gute Unterstützung. Oder eben wenn es wirklich nicht anders geht.

 

 

 

 

 

 

12.) Welches Startalter für Kinder empfindest du als angemessen im Umgang mit digitalen Medien?

 

 

Puh… Das ist jetzt eine schwierige Frage. Ich selbst hatte ja das Glück schon sehr früh in den Genuss einer elektronischen Recheneinheit zu kommen. Das war aber noch zu den Zeiten als ASCII nicht Kult sondern absoluter Standard war. Die Möglichkeiten waren sehr begrenzt und es war tatsächlich mehr Arbeit als Spiel. Es war noch viel anstrengender und lehrreicher sich mit dem Thema IT zu beschäftigen. Heutzutage sind die Geräte so intuitiv zu bedienen, dass es keinerlei Wissen zu den Prozessen im Hintergrund mehr braucht. Ich erinnere mich noch wie ich damals noch von Hand eine Website in HTML geschrieben habe. Heutzutage kann das jeder Amateur mit einem Drag and Drop Baukasten. Ich bin daher tatsächlich für ein schrittweises Herangehen an dieses Thema. Ich denke jeder sollte wissen was er da bedient. Dann stellt sich auch die Frage des „warum“ etwas schneller.

 

 

 

 

 

 

13.) Hattest/ Hast du einen Mentor/in? 

 

 

Nicht nur einen.

 

 

 

 

 

 

14.) Falls ja, hat er/ sie dir in beruflichen Fragen weiterhelfen können?

 

 

Sie haben sich bemüht… Sie haben mir zunächst einmal geholfen meinen Weg zu finden indem wir schrittweise herausgefunden haben für welche Aufgaben ich nicht geeignet bin. Aber ja, sie haben mir am Ende bei vielen Fragen weiter geholfen, auch bei solchen an die ich eigentlich gar nicht dachte.

 

 

 

 

 

 

15.) Wir glauben an das Prinzip des lebenslangen Lernens. Welchen Tipp hast du für uns dazu?

 

 

Wir sind ein Leben lang Lehrlinge. Egal welche Ausbildung, welche Auszeichnung, welche Position wir besetzen: Die Welt lernt, dreht und entwickelt sich jeden Tag, jede Sekunde weiter. Und egal wie weit wir ihr voraus sind (zu sein glauben), sie wird uns irgendwann einholen.

 

 

 

 

 

 

16.) Welchen Rat würdest du deinem 20-jährigen Ich heute geben? 

 

 

Fange nicht das Rauchen an und ergreife mutig die Chancen, die sich dir bieten.